Andreas Klare
Salestransformation · 20. Juli 2026 · 6 Minuten

Transformation ist nichts für Weicheier

Alle nicken, wenn die Strategie an der Wand steht. Der schwere Teil kommt erst danach, und er trifft ausgerechnet die Loyalsten am härtesten.

In fast jedem Unternehmen, in dem ich war, waren sich alle einig, dass sich etwas ändern muss. Die Strategie dafür aufzuschreiben, das ist der leichte Teil. Alle nicken, alle sind dabei, und am Ende des Workshops gibt es ein Dokument, mit dem sich gut leben lässt.

Der schwere Teil kommt danach.

Denn sobald die Veränderung konkret wird, kommt die Unsicherheit. Plötzlich wird das Alte verteidigt, das gestern noch keiner richtig gut fand. Prozesse, über die sich jahrelang jeder aufgeregt hat, sind auf einmal heilig. Das ist keine Böswilligkeit. Das ist menschlich. Was uns Angst macht, ist meistens nicht das Neue, sondern das Ungewisse.

Wen es am härtesten trifft

Am härtesten trifft es oft die, die schon lange dabei sind. Und das ist der Teil, den die meisten Transformationspläne komplett übersehen.

Wer sich über Jahre eine Rolle erarbeitet hat, steht in einer Transformation auf einmal neben jemandem, der viel später angefangen hat, und beide lernen dasselbe neu. Die Erfahrung, die bisher der eigene Wert war, zählt in diesem Moment nichts. Und die neue Person ist vielleicht sogar schneller in der Umsetzung, weil sie nichts zu verlernen hat.

Das ist hart. Und es ist nichts, was man wegmoderieren kann.

Ich habe erlebt, wie jemand mit fünfzehn Jahren Betriebszugehörigkeit in einer Schulung saß und zum ersten Mal seit langem wieder derjenige war, der eine Frage stellen musste. Wenn du als Führungskraft in so einem Moment nur auf den Projektplan schaust, verlierst du genau die Leute, die dein größtes Kapital sind.

Das Tal der Tränen ist real

Im Veränderungsmanagement nennt man die Phase, in der Widerstand und Leistungseinbruch zusammenfallen, das Tal der Tränen. Ich hielt das lange für ein Beraterbild. Es ist keins.

Der wichtigste Satz dazu ist der hier: Wenn dein Team gerade mittendrin stecken bleibt oder rebelliert, ist das kein Zeichen, dass die Transformation scheitert. Es ist das Zeichen, dass sie tatsächlich passiert.

Was nicht passiert, wenn alle freundlich weiterarbeiten wie bisher, ist Veränderung. Ruhe im Laden ist in einer Transformation kein gutes Signal, sondern meistens der Beweis dafür, dass die Sache noch niemanden erreicht hat.

Die eigentliche Führungsaufgabe in dieser Phase ist nicht, das Tal zu vermeiden. Sie besteht darin, es kurz zu halten und niemanden darin allein zu lassen.

Was tatsächlich hilft

Drei Dinge haben bei mir gewirkt, und keins davon steht in einem Foliensatz.

Erstens: erklären, warum. Nicht einmal, sondern ständig. Menschen ziehen nicht mit, weil eine Entscheidung getroffen wurde, sondern weil sie verstehen, welches Problem sie löst. Wer die Zahlen kennt, kann mitdenken. Wer sie nicht kennt, kann nur gehorchen oder blockieren.

Zweitens: früh sichtbare Erfolge bauen. Ein Team, das nach acht Wochen nichts vorzuweisen hat außer neuen Feldern im CRM, hat recht damit, skeptisch zu sein. Ich fange deshalb lieber mit dem Teil an, der schnell etwas zurückgibt, auch wenn er strategisch nicht der wichtigste ist.

Drittens: die Erfahrenen zu Trägern machen, nicht zu Betroffenen. Wer zwanzig Jahre Kundenwissen hat, ist in einer Transformation die wertvollste Person im Raum, sobald man ihm eine Rolle gibt, in der dieses Wissen zählt. Vorbild sein, Neue einarbeiten, den fachlichen Teil des neuen Prozesses mitgestalten. Das kostet nichts und ändert alles.

Vertrieb kann sich nicht allein transformieren

Und dann ist da noch die unbequemste Erkenntnis. Vertrieb kann sich nicht allein transformieren.

Wenn Marketing weiter Leads über den Zaun wirft, wenn Produktmanagement in einem anderen Rhythmus plant, wenn Finance die neue Preislogik nicht mitträgt und die Geschäftsführung nach acht Wochen die alten Kennzahlen abfragt, dann bleibt Sales mit halber Kraft im Wandel stecken. Und zwar sichtbar, weil im Vertrieb jede Abweichung sofort in einer Zahl landet.

Transformation ist eine Mannschaftsleistung oder sie ist keine. Wer als Vertriebsleitung eine Transformation zugesagt bekommt, sollte deshalb vorher fragen, welche anderen Bereiche mitziehen und wer das durchsetzt. Die Antwort auf diese Frage sagt mehr über die Erfolgsaussichten als jeder Businessplan.

Warum es sich trotzdem lohnt

Ehrlich gesagt ist Transformation anstrengender, als ich dachte. Für alle Beteiligten, mich eingeschlossen.

Aber die Alternative gibt es nicht. Die Halbwertszeit von Wettbewerbsvorteilen wird kürzer, der B2B-Käufer hat sich verändert, und was vor fünf Jahren ein Differenzierungsmerkmal war, ist heute Standard. Permanente Veränderung ist keine Modeerscheinung, sie ist die einzige Chance, am Markt zu bleiben.

Wer stehen bleibt, hat heute schon verloren. Er merkt es nur später.

Andreas Klare
Andreas Klare

Ich baue Vertriebsorganisationen im B2B-Softwaregeschäft auf und schreibe hier über das, was dabei tatsächlich funktioniert. Widerspruch ausdrücklich willkommen, am besten auf LinkedIn.