Mein größter Rookiefehler als Führungskraft war Aktionismus
Es war meine erste Führungsaufgabe, und ich wurde aus dem eigenen Team heraus zur Führungskraft. Ich kannte den Laden, ich kannte die Leute, und ich hatte einen klaren Plan im Kopf, wie ich alles besser aufstellen würde. Also bin ich losgelaufen.
Der Plan war gut. Nur kannte ihn keiner außer mir.
Tempo ist kein Fortschritt
Ich habe angeschoben, verändert, Tempo gemacht. Prozesse umgestellt, Abläufe neu geschnitten, Dinge abgeschafft, die aus meiner Sicht offensichtlich unsinnig waren. In meinem Kopf war das Führung: erkennen, entscheiden, umsetzen.
Und statt Fortschritt kam Unzufriedenheit.
Irgendwann stand ich da und habe gemerkt, dass sich nichts bewegt. Eher im Gegenteil. Die Stimmung war schlechter als vorher, die Zahlen waren es auch, und ich hatte keine Erklärung dafür. Aus meiner Sicht hatte ich alles richtig gemacht. Ich hatte nur vergessen, jemanden zu fragen.
Die Frage, die den Boden weggezogen hat
Dann habe ich angefangen, Fragen zu stellen. Jedem Einzelnen, nacheinander, ohne Agenda. Und dabei ist mir der Boden unter den Füßen weggezogen worden.
Die Leute wussten nicht, welche Kennzahlen es überhaupt gibt. Sie kannten die Ziele nicht, weder ihre eigenen noch die der Niederlassung. Sie hatten kein Bild davon, wie das Unternehmen eigentlich Geld verdient, an welchem Geschäft die Marge hängt und welches nur Umsatz macht. Es wurde seit Jahren im gleichen Trott gearbeitet, und niemand hatte je erklärt, warum.
Und in dem Moment war die Frage nicht mehr, warum meine Veränderungen nicht ankommen. Die Frage war, wie jemand etwas verbessern soll, das er gar nicht versteht.
Der Abend, der alles gedreht hat
Also haben wir uns nach Feierabend alle zusammengesetzt. Ich habe zum ersten Mal seit Jahren die Zahlen offen auf den Tisch gelegt. Umsatz, Kosten, Marge, wo wir stehen, wo wir hinmüssen. Ich habe erklärt, warum wir bestimmte Dinge tun und wo ich mit dem Team eigentlich hinwill.
Dann kam die bestellte Pizza, und wir haben einfach geredet. Auf Augenhöhe. Jeder hatte seine Stimme, gleichberechtigt, egal wie lange er schon dabei war.
An dem Abend kam aber auch Unangenehmes hoch. Konflikte im Team, die ich nicht auf dem Schirm hatte. Widerstände gegen Dinge, die ich vorher einfach durchgezogen hatte. Spannungen, die schon lange da waren und die ich schlicht übersehen hatte, weil ich mit meinem Plan beschäftigt war.
Das war nicht schön zu hören. Ich habe an diesem Abend ein paar Sätze gehört, die gesessen haben.
Aber zum ersten Mal hatte ich ein ehrliches Bild davon, wie es wirklich stand.
Was danach passiert ist
Es wurde ein langer Abend. Und irgendwann in diesen Stunden sind wir vom Nebeneinander zum Team geworden. Ich kann den Moment nicht auf die Minute festmachen, aber er war da.
Ein paar Tage später fingen Leute von selbst an, Verantwortung für Themen zu übernehmen, um die sich vorher keiner geschert hatte. Jemand hat angefangen, die Retourenquote auszuwerten, weil er in den Zahlen gesehen hatte, was sie kostet. Jemand anderes hat sich die Tourenplanung vorgenommen. Nicht weil ich es angeordnet hatte. Weil sie jetzt verstanden, worum es geht.
Das ist der Unterschied zwischen Anweisung und Verständnis. Eine Anweisung erzeugt genau die Handlung, die in ihr steht. Verständnis erzeugt Handlungen, an die du selbst nicht gedacht hast.
Was ich daraus mitgenommen habe
Du kannst den besten Plan haben. Wenn dein Team ihn nicht hat, hast du keinen.
Dieser eine Abend begleitet mich bis heute, und er hat die Reihenfolge meiner Arbeit dauerhaft verändert. Erst abholen, dann einbeziehen, dann verändern. Sonst scheitert jede Veränderung, bevor sie anfängt.
Das heißt nicht, dass alles im Konsens entschieden wird. Es gibt Entscheidungen, die trifft die Führungskraft allein, und dazu stehe ich. Aber der Unterschied zwischen einer Entscheidung, die erklärt wurde, und einer, die nur verkündet wurde, ist der Unterschied zwischen einem Team und einer Gruppe von Leuten mit demselben Arbeitgeber.
Und noch etwas: Transparenz kostet nichts. Ich habe damals nichts ausgegeben außer ein paar Pizzen und einem Abend meiner Zeit. Das Ergebnis war die größte Leistungsveränderung, die ich in dieser Rolle erlebt habe.
Was waren eure Rookiefehler als Führungskraft?
Ich baue Vertriebsorganisationen im B2B-Softwaregeschäft auf und schreibe hier über das, was dabei tatsächlich funktioniert. Widerspruch ausdrücklich willkommen, am besten auf LinkedIn.
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